Warum Sie die Blutspur verloren haben
Jeder Jäger kennt dieses ungute Gefühl im Magen. Nachdem man auf den perfekten Wind gewartet und den Schuss abgegeben hat, sieht der Treffer solide aus. Zuerst ist da eine schöne, hellrote Spur auf dem Waldboden. Die Fährte zieht sich hundert Meter weit, und dann – zack. Die Blutspur verschwindet einfach. Man bleibt nichts anderes übrig, als im schwindenden Licht um eine einzelne Eiche zu kreisen, auf die kahlen Blätter zu starren und sich am Kopf zu kratzen.
Dieses Szenario hört man immer wieder von Leuten im Wald. Eine verschwindende Blutspur ist kein Zufall. Sie ist die direkte Folge des unglaublichen, angeborenen „kostenlosen Gesundheitssystems“ eines Weißwedelhirsches.
Ein Blick in die Anatomie eines verletzten Hirsches offenbart die einleuchtende Wissenschaft dahinter, warum die Fährte plötzlich erkaltet – und die praktischen Schritte, die nötig sind, um die Beute zu bergen.
Wie ein Hirsch im Flug heilt
Wenn ein Hirsch angeschossen wird und ins dichte Gebüsch flüchtet, rennt er nicht einfach, bis er zusammenbricht. Er sucht sich dichte Deckung – eine Art Notunterkunft – und verharrt regungslos. Sobald seine Füße stillstehen, übernimmt ein meisterhafter innerer Chirurg im Gehirn die Kontrolle: die Hirnanhangdrüse.
Während dieses nervösen Wartens auf dem Hochsitz durchläuft der Hirsch einen rasanten Heilungsprozess in vier verschiedenen biologischen Phasen:
1. Die innere Blutpumpe
Die Hirnanhangdrüse, dieser alte Chirurg, erkennt sofort das Trauma. Sie setzt die Hormone des Bocks in Gang und pumpt das Blut so schnell wie möglich durch das Herz. Der Körper kann den Blutverlust nicht sofort ausgleichen, aber diese Hormone zwingen das Herz, die Sauerstoffversorgung der lebenswichtigen Organe aufrechtzuerhalten. So bleibt der arme Junge trotz des Blutverlusts wach und auf den Beinen.
2. Das natürliche Morphin
Sobald der erste Schock nachlässt, setzt der Schmerz ein. Doch das Gehirn des Hirsches schüttet massenhaft Endorphine aus. Man kann sich Endorphine wie eine starke Dosis natürliches Morphium vorstellen. Sie betäuben den lokalen Schmerz der Wunde vollständig. Dadurch kann sich der Hirsch beruhigen, sein Herzschlag sich etwas verlangsamen und er kann sich auf sein Überleben konzentrieren, anstatt in Panik zu geraten.
3. Natürliche Steroide gegen Entzündungen
Würde ein Mensch ins Krankenhaus gehen, bekäme er Unmengen an entzündungshemmenden Medikamenten. Das Reh hingegen produziert seine eigenen. Die Hirnanhangdrüse schüttet natürliche Steroide im ganzen Körper aus. Diese Steroide wirken sofort an den Ein- und Austrittsstellen, bekämpfen die Entzündung und setzen den Heilungsprozess direkt hinter dem Baum in Gang.
4. Die ultimative Waffe: Vitamin K
Genau hier verliert sich die Blutspur. Den ganzen Sommer über hat sich der Hirsch an saftigen, grünen Pflanzen gütlich getan. Diese reichhaltige Ernährung versorgt seinen Körper mit einem enormen Vitamin-K-Vorrat. Was bewirkt Vitamin K? Es verdickt das Blut. Während der Hirsch zehn bis fünfzehn Minuten ungestört dasteht, beginnt sein unglaublich dickes, nährstoffreiches Blut in erstaunlicher Geschwindigkeit zu gerinnen.
Das dickflüssige Blut verschließt die Wunden wie ein Korken. Sobald die Blutung aufhört, verlässt er das provisorische Krankenhaus und legt sich schlafen. Da die Wunden nun verschlossen sind, wird kein einziger Blutstropfen mehr auf den Boden fallen. Eine Suche mit der Taschenlampe bringt nichts ans Licht, und die Spur ist spurlos verschwunden.
Was tun, wenn die Blutspur endet: 5 bewährte Fährtenlesetaktiken
Nachdem die biologischen Ursachen für das Verschwinden des roten Blutes geklärt sind, stellt sich die Frage: Wie geht man im Wald damit um? Sobald die roten Tropfen aufhören, beginnt die eigentliche Arbeit des Waldarbeiters. Hier ein paar Tipps, wie man die Holzernte sichern kann.
Regel Nr. 1: Im Zweifelsfall zurückziehen
Da ein Reh in seinem ersten Lagerplatz aktiv versucht, sich zu erholen, ist eine entscheidende Maßnahme unerlässlich: Anhalten. Ein unmittelbar nach dem Schuss aufgescheuchtes Reh löst einen Adrenalinschub aus. Dieses Adrenalin überlagert die körpereigenen Endorphine, löst die frisch gebildeten Vitamin-K-Blutgerinnsel auf und zwingt das Reh, kilometerweit zu rennen. Ein Reh, das aus seinem ersten Lagerplatz aufgescheucht wird, erholt sich nur sehr schwer. Geben Sie ihm Zeit. Bei Verdacht auf einen Leber- oder Darmtreffer entfernen Sie sich leise und warten Sie 6 bis 12 Stunden. Selbst bei einem Lungentreffer sollten Sie mindestens 30 bis 45 Minuten warten, bevor Sie vom Hochsitz absteigen.
Regel Nr. 2: Lies den letzten Blutstropfen
Geh zum letzten nachweisbaren Blutstropfen. Markiere ihn mit einem Stück orangefarbenem Klebeband oder setze eine Markierung in einer Jagd-App. Das ist der Ausgangspunkt. Untersuche die Spuren genau. Ist das Blut hellrot mit winzigen Bläschen? Das deutet auf einen Lungenschuss hin. Dunkelrot? Leber. Enthält es wässrige Flüssigkeit oder grüne Pflanzenreste, ist es ein Bauchschuss – sofort zurückziehen.
Regel Nr. 3: Die Gitter- und Kreissuche
Wenn die sichtbare Fährte im Sande verläuft, reicht es nicht, einfach nur dazustehen und nach unten zu schauen. Gehen Sie in den Vierfüßlerstand. Gehen Sie nun in engen, sorgfältigen Kreisen um die Markierung herum. Achten Sie auf umgestürzte Blätter, abgebrochene Zweige oder stecknadelkopfgroße Tropfen an der Blattunterseite, wo das Reh vorbeigestreift ist. Falls Sie im Kreis nicht fündig werden, gehen Sie langsam in einem Z-förmigen Muster quer zur zuletzt bekannten Laufrichtung, um eventuelle parallele Fährten zu entdecken.
Regel Nr. 4: Gestrüpp und Wasser gezielt anvisieren
Verwundete Weißwedelhirsche handeln instinktiv. Ist kein Blut zu sehen, suchen Sie nach den naheliegendsten Geländemerkmalen. Ein Hirschbock will sich unsichtbar fühlen und flüchtet daher fast immer in das dichteste, dunkelste Gestrüpp oder in Zedernsümpfe in der Nähe. Wird er etwas weiter hinten getroffen, treten Fieber und extreme Dehydrierung ein. Er sucht Wasser, um seine Körpertemperatur zu senken. Überprüfen Sie daher die Ränder von Bächen, Entwässerungsgräben und Sumpfgebieten.
Regel Nr. 5: Einen Spürhund einsetzen
Wenn die Augen nicht weiterkommen, ist es Zeit, sich auf die Nase zu verlassen. Ein ausgebildeter Fährtenhund ist im Wald eine unschätzbare Hilfe. Er sucht nicht nur nach sichtbarem Blut, sondern folgt dem Duft der Zwischenzehendrüsen des Rehs, vermischt mit den einzigartigen Stresspheromonen, die das Tier absondert. Selbst wenn Vitamin K die Wunde verschlossen hat und die sichtbare Fährte trocken ist, kann ein guter Hund diese unsichtbare Witterung kilometerweit verfolgen. Man sollte sich aber unbedingt vorher in der Gegend informieren. Jagdvorschriften Erste.
Technologie soll die Punkte wieder verbinden
Der Weißwedelhirsch ist ein erstaunlich widerstandsfähiges Tier. Doch während das menschliche Auge im dunklen Wald die Spur verlieren kann, kann moderne Technologie hier einen entscheidenden Unterschied machen.
Genau deshalb ist Laufen so wichtig Wildkameras Das Absuchen von Übergangszonen, Engstellen und Lagerrändern ist ganzjährig eine sehr empfehlenswerte Taktik. Jäger gehen nicht mit einer Kamera in den Wald, um ein Reh zu verfolgen; sie verlassen sich auf die Kameras, die sich bereits im Wald aufhalten. Wenn eine Blutspur in einem dichten Sumpf verschwindet, können vorhandene Wildkameras wie Augen in der Dunkelheit wirken.
Geschichten über genau diese Taktik kursieren ständig in der Jägerschaft. So zog sich beispielsweise ein Jäger, nachdem er eine Blutspur verloren hatte, zurück und überprüfte am nächsten Morgen einfach seine Wildkameras. Ein Foto des humpelnden Hirsches um 2:00 Uhr nachts lieferte den entscheidenden Anhaltspunkt, um das Tier 300 Meter entfernt wiederzufinden.